· 

IRRSINNS-PROJEKT – Ansiedlung von Raufußhühnern

Heutzutage ist man um vielversprechende Beschreibungen eines Projektes nicht verlegen.

 Vor einiger Zeit habe ich im Zusammenhang mit der Wiederansiedlung des Auerwildes in der Niederlausitz u.a. in der Projektbeschreibung folgenden Satz gelesen:

 

Zu den ermittelten Mortalitätsursachen zählen in erster Linie Kollision mit Infrastruktureinrichtungen, wie Fahrzeugen, Freileitungen und Wildzäunen. *(1)

 

Was kann man sich unter dem Begriff: Kollision mit Infrastruktureinrichtungen vorstellen?

 Infrastruktur: -notwendiger wirtschaftlicher und organisatorischer Unterbau als Voraussetzung für die Versorgung und die Nutzung eines bestimmten Gebiets, für die gesamte Wirtschaft eines Landes-
Kollision Synonyme dazu:  Aufprall, Zusammenprall, Zusammenstoß

 Es sollte weiterhin die Frage gestellt werden, ob nach Bekanntwerden der Mortalitätsursachen die Legitimation dieses Projektes noch zu rechtfertigen ist? Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich bei einem hohen Anteil der getöteten Tiere um reine Wildfänge handelt.

 

Hierbei muss man wissen, dass ein Teil des Auerwildes in Schweden gefangen und dann in Deutschland wieder ausgesetzt/angesiedelt wird. Dies alles ganz offiziell, allerdings wurde die betroffene Bevölkerung in Schweden, dort wo das Auerwild gefangen wird, weder informiert, noch gefragt! (Artikel vom 24.05.2017 bei SVT Nyheter/Västerbotten)

 

Einheimische in Schweden, denen man die Auerhühner sozusagen vor der Nase wegfängt, sind vollkommen überrumpelt worden. Darüber konnte ich in der Deutschen Presse nichts finden und auch auf der Homepage >>Naturpark Niederlausitzer Heide<< fand ich kein Wort dazu. Insgesamt sollen 350 Auerhühner und 150 Birkhühner in Schweden gefangen werden. Welch ein Irrsinn! Wie würden wir reagieren, wenn fremde, mit Keschern bewaffnete Personen über unsere Landstraßen und Waldwege führen, und versuchten wilde, freilebende Vögel oder andere Wildtiere einzufangen? Desweiteren möchte ich mir nicht vorstellen, welchen Stress es für die Auerhühner bedeutet, eingefangen und in Pappkisten verladen zu werden, um dann mit dem Flugzeug oder noch zeitaufwändiger mit Automobil und Fähre nach Deutschland transportiert zu werden.

 

Für einen Zeitraum von fünf Jahren (2017-2022) stellt allein der Europäische Landwirtschaftsfond 1,4 Millionen Euro zur Verfügung. Verwundert hat mich schon immer, dass Naturschutzorganisationen bereitwillig Millionen für Projekte und die damit verbundenen Kosten für Kameras, Fahrzeuge, Reisen, Unterkunft, Personal usw. ausgeben. Dieses Geld könnte besser verwendet werden, um Land anzukaufen und dies so den infrastrukturbedingten Zwängen zu entziehen. Somit bestünde die reale Chance, mit dem vielen Geld naturnahe und artgerechte Gebiete für Auerhühner zu schaffen. (I*)

 

Zum Wiederansiedlungsprojekt  des Auerwildes in Thüringen

 

 

Ich habe die Projektbeschreibung aufmerksam gelesen und es beschleicht mich das Gefühl, man habe verdrängt, dass es sich hierbei um Lebewesen handelt.

Gefangen werden die Auerhühner aus Gebieten in Schweden, in denen sie noch frei und natürlich vorkommen. In vielen Gegenden Schwedens ist das Auerwild allerdings auf Grund der brutalen Forstpolitik und -bewirtschaftung der Großkonzerne auf dem Rückzug. Die bevorzugte Waldstruktur des Auerhuhns fällt in Schweden großzügigen Abholzungen und großflächigen Kahlschlägen zum Opfer. Die Balzarenen der Hähne verschwinden für Jahrzehnte oder gar für immer. In drei Schichten täglich arbeiten die hoch digitalisierten Vollernter (Harvester) zu jeder Jahreszeit; massivste Störungen, wodurch Gelege verwaisen oder werden zerstört.

 

Soviel zum gesicherten Bestand. Da Schweden aber bei weitem nicht so dicht besiedelt ist wie Deutschland ( 21,9 Einwohner/km² in Schweden zu ca. 250 Einwohner/km² in Deutschland ) sind die Flächen, die den Tieren zur Verfügung stehen, deutlich größer, wobei die Auerhühner hochsensibel auf Störungen seitens des Menschen reagieren.

Die Gebiete in Deutschland, die man heute zur Wiederansiedelung als geeignet ansieht, sind nur Flächenfragmente ger

Die Gebiete in Deutschland, die man heute zur Wiederansiedelung als geeignet ansieht, sind nur Flächenfragmente geringeren Ausmaßes und zum großen Teil unzusammenhängend. Geeignete großflächige und zusammenhängende naturnahe Gebiete gibt es nicht mehr. Große monotone Agrarflächen, Ortschaften mit den dazu gehörenden Infrastruktureinrichtungen wie Verkehrswege und Stromtrassen, wodurch die Areale zerstückelt werden. Das alles nimmt man in Kauf und dies mutet man den in Schweden gekescherten Auerhühnern zu, Wildfängen, wohlgemerkt!

ingeren Ausmaßes und zum großen Teil unzusammenhängend. Geeignete großflächige und zusammenhängende naturnahe Gebiete gibt es nicht mehr. Große monotone Agrarflächen, Ortschaften mit den dazu gehörenden Infrastruktureinrichtungen wie Verkehrswege und Stromtrassen, wodurch die Areale zerstückelt werden. Das alles nimmt man in Kauf und dies mutet man den in Schweden gekescherten Auerhühnern zu, Wildfängen, wohlgemerkt!

 

 

Man ermittelt die Mortalitätsursachen und kommt zu dem Schluss, dass in erster Linie Kollisionen mit Infrastruktureinrichtungen – Motor- und Schienenfahrzeuge, Freileitungen und Wildzäune – den Auerhühnern zum Verhängnis werden; etwa dieselbe Anzahl von Tieren fällt Beutegreifern (Prädatoren) zum Opfer (dazu später mehr).

 

Dies bremst die >Forschung< keineswegs aus, wobei die Realisierung des Projektes vorrangig zu sein scheint, das Wohl des Tieres allenfalls zweitrangig.

 

Zitat:" Dennoch hat die Hälfte Tiere ein halbes Jahr und länger im neuen Lebensraum überlebt. Die jährliche        Überlebenswahrscheinlichkeit betrug 30%, die mediane Überlebensdauer 189 Tage." * (2)

 

 

Fakt ist: Die Lebenserwartung von in freier Wildbahn lebendem Auerwild liegt bei 10 (3650 Tage) bis 12 (4380 Tage) Jahren.

 

Des Weiteren versucht man, junges Auerwild (Nachzuchten) unter der Anleitung einer Auerhenne sanft auszuwildern.

 

 

Zitat:"Auf diese Weise wurden in den beiden Projektgebieten 15 Auerhühner (zehn Hähne, fünf Hennen) erfolgreich ausgewildert (mehrmonatiges Überleben nachgewiesen)." * (2,3)

Ist so etwas als erfolgreich zu bezeichnen? Von 15 Hühnern hat kein Exemplar überlebt.

 

 

Noch einmal, die Lebenserwartung von in freier Wildbahn lebendem Auerwild liegt bei 10 bis 12 Jahren. Hier haben 15 Auerhühner noch nicht einmal ihr erstes Lebensjahr vollendet. Ein verantwortungsloses Vorgehen, grob fahrlässiges Experiment oder untaugliches >Forschungsprojekt<, das sind hier die Fragen. Jedenfalls eine unheilige Dreifaltigkeit!

 

Für mich stellt sich die Frage, ob >>im Auftrag der Forschung und der damit verbundenen Projekte<< noch immer über Leben und Tod bestimmt werden darf.

 

Wenn der Mensch die Gründe, die zur Ausrottung einer Tierart in einem Gebiet geführt haben erkannt hat, steht es doch zuerst in seiner primären Verantwortung, die Ursachen, die zur Ausrottung geführt haben, zu beseitigen. Die Veränderungen, die die Ökosysteme durch menschlichen Einfluss erfahren mussten und von denen wir heute wissen, dass sie zur Ausrottung und dem Verschwinden dieser und anderer Tierarten beitragen, erfahren kaum die notwendigen Veränderungen. Im Gegenteil: Menschen bestimmen und erwarten von den Tieren, sich gefälligst anzupassen.

 

 

 

Nun ist es aber nicht so, dass man sich nicht bemüht, geeignete Voraussetzungen für das Auerhuhn zu schaffen und aufzubauen. Forstliche Maßnahmen zur Habitat-Verbesserung sind sehr wichtig. (Habitat, hier gemeint als Lebensraum einer bestimmten Tierart). Prädatoren-Management (Prädator = Räuber, Beutemacher), wie die Bejagung von animalischen Feinden des Auerhuhns. Der Mensch greift regulierend in die Natur ein, um einen Zustand wiederherzustellen, der von ihm zuvor negativ verändert und zerstört worden ist. Warum? Um uns allen das Gefühl vorzugaukeln, wir wären in der Lage, unberührte, echte Natur wiederherstellen zu können (Ingenieursdenken).

 

 

 

Wieder sterben Tiere für unsere Projekte: Die Prädatoren müssen sterben, weil sie dem Projekt, nach unserem Wissen, schaden. Die Auerhühner müssen sterben, weil das Projekt durch Infrastrukturmaßnahmen zum Vorteile des Menschen, keinen geeigneten Auerwildbiotop hergibt. Es wird großzügig dabei vergessen, dass die Infrastruktureinrichtungen in den letzten 100 Jahren eine erhebliche Veränderung erfahren haben und nur auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten und verändert wurden.

 

 

Fakt ist:

 

  • 81 ha Fläche werden täglich in Deutschland für Infrastrukturmaßnahmen neu ausgewiesen, 66 ha pro Tag davon verbraucht.

  • 64 Millionen Autos in Deutschland brauchen Verkehrsverbindungen; hinzu kommt die Gier nach exotischem Freizeiterleben. Mehrmals im Jahr muss verreist werden: Zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft (steuerbefreitem Kerosin sei Dank!)

  • Jeder Deutsche generiert über 700kg Plastik(Müll) pro Jahr, Tendenz steigend. Hierzu zählen auch die Plastikverpackungen der Weintrauben aus Indien, der Avokados aus Kenia, der Waldbeeren aus Südafrika u. v. a. m.

 

Zu den natürlichen Feinden, Beutegreifern des Auerhuhns zählen in Deutschland Fuchs, Marderartige, Wildschwein und Habicht (dieser ist geschützt, darf nicht bejagt werden!). In Schweden kommen noch Steinadler und Luchs hinzu.

 

 

 

Es ist kaum zu fassen, aber in Thüringen wird extra ein Jäger angestellt, der dafür Sorge zu tragen hat, allen Feinden des Auerhuhns den Garaus zu machen. Zur Erinnerung, es war der Mensch, der den Auerhuhnbestand in Deutschland dezimiert hat, nicht die "natürlichen Prädatoren". Sie könnten es auch nicht!
Mit Ausnahme des intelligenten und sich fröhlich vermehrenden Schwarzwildes. Anscheinend ist die Jägerschaft unfähig, wirksame Bewirtschaftungsmethoden für diese Wildart einzuführen und effektiv auszuführen mit möglichst geringem Vergrämungspotential für andere freilebende Säugetiere und Vögel.
Für das wilde Schwein ist ein Auerhuhngelege (inklusive fest sitzender Auerhenne) eine nicht zu verachtende Erweiterung des Speiseplans.

 

 

 

Die heutige Lebenseinstellung des Menschen verbraucht und zerstört Ökosysteme und somit Lebensräume für viele Tierarten. Einige Tierarten, sog. Kulturfolger schaffen es sich anzupassen. Das Auerhuhn braucht große zusammenhängende naturnahe Waldflächen, die durch den Menschen und seine Bedürfnisse wenig belastet werden. Aber wo gibt es diese in Deutschland? Die für die Wiedereinbürgerung der Auerhühner vorgesehenen Flächen entspringen unseren menschlichen Vorstellungen von Auerhuhnbiotop. Die wirklichen Ansprüche der Art erfahren hier wenig Beachtung.

 

 

 

 

 

Zwischenbetrachtung: In einem Land, das nicht in der Lage ist, den katastrophalen Niedergang des vor 50/60 Jahren noch weit verbreiteten Rebhuhns – ein prinzipiell anpassungsfähiges und vermehrungsfreudiges Glattfußhuhn – zu verhindern, sollten Wiedereinbürgerungsprojekte von den allgemein anspruchsvollen und sensiblen Raufußhühnern nicht vorgenommen werden. Die bisherigen Rauhfußhuhn-Projekte sind wahrhaftig keine hell strahlenden Leuchttürme theoretischer und praktischer Wissenschaft!

 

Das Auerhuhn darf erst wiedereingebürgert - ausgewildert werden, wenn der Mensch bereit ist dafür auf Lebensraum zu verzichten, zum Wohle des Tieres. Bis heute hat man noch nicht einmal 800 ha zusammenhängende Fläche. Die vorgesehenen 15000 ha in Thüringen müssen zuerst zu Auerhahngerechten Habitaten zurückgestaltet werden bevor man Tiere wieder ansiedelt. (S. Klaus)

 

 

 

 

 

Und auch dann bliebe es ein inselartiges Vorkommen mit Gefahr des genetischen >Flaschenhalseffekts< mit u. U. negativen Auswirkungen auf die >Insulaner<.

 

 

 

Die Forderung wäre: Verzicht des Menschen auf Nutzung jeglicher Art der ausgewählten Gebiete. Keine Straßen, keine Autos, keine Fabriken, keine Kraftwerke, weder Wasser - noch Windkraft, kein Tourismus usw., letztlich also Total-Reservat. Wenn wir bereit sind, endlich einmal zum Wohle der Natur auf Luxus zu verzichten, dann darf und kann versucht werden, nach akribischer Planung und Vorbereitung Auerwild mit menschlicher Unterstützung wieder anzusiedeln.

 

Wollen und können wir nicht verzichten, dann darf es in Thüringen oder andernorts nie wieder Auerhühner geben. Auch Wissenschaft und Naturschutz sollten so ehrlich sein und offen dazu stehen.

 

 

 

So lange wir nur technische Veränderungen vornehmen und Tier-Projekte instrumentalisieren, unser Verhalten aber nicht ändern, rutschen wir immer weiter ab in eine >Bambi-Welt<, sollten uns mit Safari-Parken begnügen.

 

 

 

 Emil + Kiang

 

 

 

Literatur

 

 

 

(1,2,3)Förderverein Naturpark Niederlausitzer Heide, Projektauswertung 2014

 

 

 

(I*) Mein Leben für die Natur – Auf den Spuren von Evolution und Ökologie, Seite 614, Prof. Josef H. Reichholf, S. Fischer Verlag

 

Der Artikel erschien zuerst auf: www.luchsrufe.de

Kommentar schreiben

Kommentare: 0